„Reisst euch mal zusammen!“​

m&k Kolumne #4

Was in den letzten Wochen teilweise in Bundesbern und darüber hinaus von sich gelassen wurde, treibt selbst einem Schandmaul” wie mir, das alles andere als zimperlich in Wortwahl und Direktheit ist, den kalten Schweiss auf die Stirn.

Immer wieder gerne zeigen wir Vorzeigedemokraten mit dem Finger mahnend in das Land der Freiheit, wo momentan der amerikanische Traum zu bröckeln scheint. Wo Politiker beider Seiten offenbar vergessen haben, wie man einen Diskurs führt. Wo das politische Gegenüber mit übelster Propaganda, Deep Fakes und anderen Mitteln diffamiert wird. Wie man es aus dem Sport kennt: Wenn man den Gegner nicht ausspielen kann, spielt man auf den Mann. Etwa so steht es um die aktuelle Lage in den USA. Aber sind wir gerade so viel besser? Sollten wir uns wirklich über Donald Trump und Co. echauffieren, wenn sich bei uns auch gerade einige Klüfte auftun?

Inmitten von aktuellen Abstimmungen, Corona, Klima-Demos, Anti-Corona-Demos, wirtschaftlicher Unsicherheit und mehr scheinen geltende gesellschaftliche Gepflogenheiten, gemeinsamer Diskurs oder ein sachlicher Austausch offenbar unmöglich.

Man beschimpft einen Bundesrat an einem Filmfestival öffentlich als Volksverräter – und ein nicht unwesentlicher Teil von Schweizern findet das sogar noch “okay”.

Auf Twitter werden sexistische und rassistische Angriffe auf politische Gegenparteien als Status Quo akzeptiert. Man dürfe ja schliesslich noch sagen, was man denkt, oder? Wo kämen wir denn da sonst hin?

Jugendliche, die für eine gute Sache einstehen, übersehen dabei, dass eben nicht jedes Mittel den Zweck heiligt.

Politiker diffamieren sich öffentlich aufs Übelste und lassen Gedankengut durchblicken, das in der Schweiz keinen Platz haben sollte – und dann tut man es als Versprecher ab oder schiebt es auf die “Hitze des Gefechts”. 

Die Grenzen zwischen Extremen verblassen und das Extreme ist das neue Normal.

Auf gut Schweizerdeutsch: Gopferdammi! Was ist eigentlich los mit uns?

Haben uns die letzten Monate intellektuell und emotional so verkrüppelt, dass wir uns nicht mehr anständig austauschen können? Müssen wir von einem Extrem ins nächste kippen? 

Wir rühmen uns weltweit immer wieder mit unserer direktesten Demokratie unter den Demokratien. Jeder darf seine Meinung frei kundtun ohne zu befürchten, abgestempelt zu werden. Mit der Vielzahl von Parteien sichern wir die Vielfalt der Schweiz zu widerspiegeln und holen – hoffentlich zumindest – die meisten Schweizer ab.

Wie Ueli Maurer nach dem aktuellsten Krach im Bundeshaus sagt: «Wir kommen aus einer anderen Ecke, aber wir können auch mit anderen Ansichten leben.» Man kann es nicht besser formulieren und um meinen Senf zum Schluss noch hinzuzufügen: Wir haben aus einem Grund zwei Ohren und nur einen Mund. Verwenden wir es auch im entsprechenden Verhältnis, liebe Leute.

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